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Pressestimmen

Der Künstler Ludwig Bäuml


Presse - Der Künstler Ludwig Bäuml

Ein Portrait von Michael Scheiner, erschienen im Magazin Lichtung

"Ich kann's bald nicht mehr hören Kandinsky und Munter..." Die beiden Heroen der Moderne sind so etwas wie Säulenheilige für Kallmünz. Die oberpfälzische Gemeinde an der Naab sonnt sich im Glanz des Künstlerpaares. Kaum ein offizielles Statement, in dem nicht mit stolzgeschwellter Brust auf die Zeit des Künstlerpaares in dem malerischen Ort hingewiesen wird. Ludwig "Wigg" Bäuml wird diese Inszenierung manchmal einfach zuviel. Der 44jährige Restaurator und Künstler schätzt die Arbeit der "Blaue Reiter"-Künstler keineswegs gering. Aber er hält die Beiträge der verstorbenen Maler Georg Millen eines kraftvollen Spätexpressionisten, und Hans Geistreiter für wichtiger für die Gemeinde, in der er selbst seit zehn Jahren mit Frau und zwei kleinen Kindern lebt. Während Gabriele Munter und Wassily Kandinsky einige Sommer, teils mit Künstlerfreunden, in Kallmünz verbrachten, lebten Miller und Geistreiter hier und waren auch sozial eingebunden.

"Langsam erinnert man sich wieder daran", beschreibt Bäuml eine zögerlich einsetzende Rückbesinnung auf den ausdrucksstarken Millen "wenn er beim Bäcker oder Metzger mit einem Bild bezahlt hat". Nach und nach tauchten Blätter aus Schubladen auf, wo sie oft jahrelang verstaubten. Auch zum Erbe Geistreiters, der als Gastronom und Inneneinrichter tätig war, fällt Bäuml, auf dem Weg zur eigenen Ausstellung "Aus der Ferne ist alles so nah" im Burglengenfelder Volkskundemuseum, eine Anekdote ein. Noch heute ärgere er sich, daß er im Urlaub war, als fünf Häuser von seinem entfernt das schmucke kleine Wohnhaus Geistreiters entrümpelt wurde. Dabei seien Zeichnungen, Entwürfe und Skizzen des immens produktiven Künstlers im Container gelandet. Den neuen Eigentümern aus München, die sich ein Wochenenddomizil eingerichtet haben, habe jeder Sinn für diese Schätze gefehlt. Von einem Bekannten, der zufällig einige Blätter aus dem Hausmüll klauben konnte, habe er später einige wenige erhalten.

Auf einen Wertzuwachs spekuliert Bäuml aber so wenig wie ihn interessiert, was die hingeworfenen Ideenskizzen und Vorenwürfe kosten würden. "Wigg" Bäuml ist ein Sammler. Einer, für den auch eine weggeworfene leere Zigarettenachachtel noch einen Wert hat. Vor einigen Jahren sind daraus bildhafte Wandobjekte entstanden. Aufgerissen und in einem tief leuchtenden Blau bemalt, sind aus zerknüllten Gauloise-Schachteln, sorgsam mit anderen Fundstücken und feinen Goldspuren auf Leinwand arrangiert, meditative Findlinge geworden, die einen Weg ins Herz der Dinge weisen.

Schon in einer frühen künstlerischen Arbeit zeigte sich dieser wertschätzende Umgang mit Dingen. Bereits als Junge hatte er Wurzelholz gesammelt. Später vergoldete er eine Auswahl und stellte sie auf Sockel. Als süßlich-verkitschte Volkskunst verbergen Wurzelfiguren Reste mythischen Aberglaubens mehr, als daß sie sie zeigen. Bäuml erhebt den natürlichen Abfall, der normalerweise nur noch zum Heizen taugt, ins Erhabene. Dabei nutzt er eine aus seinem Handwerk als Kirchenmaler entlehnte Technik, verbindet traditionelles Handwerk mit eigenen künstlerischen Vorstellungen. So sehr ihm dabei die dauernde und tiefgreifende Zerstörung der Natur Material und inneren Antrieb liefert, so wenig taugt dieser Ansatz allein zur Interpretation. Ein vergoldetes Wurzelstück, in der Morgensonne auf dem zugefrorenen Fluß aufgestellt, beginnt vor dem Hintergrund des winterlichen Kallmünz zu schweben. Die tragenden Metallstäbe werden zu Berührungspunkten, an denen sich das Überirdische mit der Welt verbindet. Die Verwandlung in eine Metapher gleicht einem modernen Totem. Es beinhaltet sowohl Verheißung, die Möglichkeit von Erfüllung und ewigem Frieden oder Ineins-Kommen, wie nichtchristliche Gaubensgemeinschaften das Ziel des menschlichen Lebens sehen, aber auch eine starke Mahnung.

Weggeworfenes, das heißt als Dinge, die ihren Wert verloren haben, weil sie zu nichts (mehr) nutze sind, bildet häufig Grundlage und materiellen Ausgangspunkt für Bäumls künstlerisches Schaffen. Angefangen vom Wurzelholz über gebrauchte Papiersäcke für Mehl, die aufgerissen an aufgespannte Häute getöteter Tiere erinnern, bis zum Draht, mit dem er seit einigen Jahren intensiv arbeitet. Altes, manchmal kaputtes Zeug klopft er ab auf seine Geschichte, lauscht den Klängen, Geräuschen und murmeln Fotos: oben und unten Installation im Museum Burglengenfeld, Seite 26 Rauminstallation "Schonung II" in einem Kellerraum (1992), Seite 27 Drahtkugel/Installation im Museum Burglengenfeld den Stimmen, die darin verborgen sind. Indem er es veredelt, bearbeitet, arrangiert, schafft er auch anderen einen Zugang, (wieder) in die Dinge hineinzuhorchen und zu spähen. Er lädt es mit neuen Gedanken, Gefühlen und Zuschreibungen auf und reaktiviert damit, was sich bereits in Jahrzehnten in dem Material angesammelt und eingegraben hat.

"Ärmliches Material" nennt er es und deutet damit eine untergründige Verbindung zur "arte povera" an. Gänzlich unbearbeitet hat er in Burglengenfeld (vom 30. April bis 7. Juni) ausgestopfte Vögel, Reiher auf einen alten Bauernschrank gestellt. Zerrupfte Federn, pergamentene Haut, die nur noch bruchstückhaft die Beinknochen bedeckt, vermitteln einen kläglichen Eindruck. Hausfrauen werfen solche "Staubfänger" auf den Müll. Für manche Männer sind solche Trophäen der ganze Stolz, präsentieren sie sich doch damit als mächtig und stark.

Bäuml entrümpelte im Frühjahr dieses Jahres zusammen mit den Brüdern sein Elternhaus, das verkauft worden war. Auf dem riesigen Dachboden entdeckte er die Wurzelholzsammlung wieder. Teile schaffte er in die Vilsgasse in Kallmünz. Das hochliegende, urrenovierte Erdgeschoß dient ihm als Atelier und Lager. Kornsäcke mit dem Namen seiner Mutter, Gebetbücher, Wäsche, Totenbildchen und Distelstecher aus dem elterlichen Bauernhof weckten mannigfaltige Erinnerungen. Sommerlicher Erntegeruch stieg ihm in die Nase, wenn er die Schnüre in der Hand hielt, mit denen geschnittenes Getreide zu Mandln gebunden wurde: "Aus der Ferne ist alles so nah."

Eine Postkarte mit Blick vom abgeernteten Feld ins nahegelegene Böhmische lieferte "Wigg" Bäuml den Titel und zentrales Bildobjekt, mit Wachs überzogen, für die Ausstellung. Mit Ehrfurcht, aber auch dem feinen Schuß hintergründiger Ironie, der Bäuml eigen ist, hat der bekennende Autodidakt wiederentdeckte Dinge des bäuerlichen, eigenen Lebens mit neueren Arbeiten zu einem schlüssigen Raumkonzept arrangiert.

Raum als vorgegebene Größe mit eigenständiger Ausstrahlung und entsprechend spezifischer Anforderung hat für Ludwig Bäuml in den vergangenen Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Weit stärker als bei gehängten Bildern beinhaltet ein Ausstellungskonzept, welches strukturell auf den Raum bezogen ist, auch ein Scheitern.

Ein Moment größter Spannung, die einen unverstellt anspringt, ergab sich in der Burglengenfelder Ausstellung in einem kleinen Nebenraum, der von einer gotischen Vierung geprägt ist. Auf einem kargen Stahlrohrgestell sitzt direkt unter der Vierung eine von Bäumls Drahtkugeln, von denen seit einigen Jahren mehrere entstanden sind. Wie ein Symbol für das Gerippe, das eine Welt in verwirrenden Verschlingungen von innen zusammenhält, hängt sie unter dem gewölbten Firmament des Raumes. Ihren Affekt, ihre Kraft bezieht die Inszenierung ganz unmittelbar aus der räumlichen Anordnung. Zugleich steht diese Reduktion in einem starken Kontrast zum Hauptteil der Ausstellung, die sich mit einem Anteil subversiver Energie in das historisch dokumentarische Ambiente des Museums integriert. Für Bäuml selbst sind die Drahtkugeln Symbole einer Frucht, so wie die in sandgefüllten Weckgläsern oder frei wuchernden Drahtbüschel Grashalme darstellen.

Dieser unmittelbare Bezug zum kindlich-bäuerlichen Erfahrungs- und Erlebensraum findet sich öfter, als die mal mehr mal weniger verschlüsselten, nicht selten aber erheblich abstrahierten Arbeiten auf den ersten Blick vermuten lassen. Ein immenses, in mühseliger und stumpfsinniger Handarbeit hergestelltes Nagelbrett, das erstmals 1992 bei einer Rauminstallation in der Galerie Pospieszczyk in Regensburg präsentiert wurde, entstand aus der Erinnerung an die Stoppeln abgeernteter Getreidefelder. Drübergehen traute sich kaum jemand. Erst in der ironisch-boshaften Installation "Es ist angerichtet" (1994, Gasthaus Luber, Kallmünz) zum Erntedankfest mußten neugierige Besucher ihre Vorsicht und Scheu überwinden, um über die NagelStoppeln zum Aufgetischten zu gelangen.

Mit solchen spürbaren Stacheln und Spitzen eckt Bäuml immer wieder an. Denn natürlich spuckt er mit seinen appellativen Arbeiten, die von einer konservativen Heimatverbundenheit und persönlichen Integrität zeugen, wie sie politisch Konservative in der Regel partout nicht ausstehen können, vielen in die Suppe. Würde man künstlerischen Erfolg an den Auswirkungen messen, die beispielsweise in einem Gästebuch ihren Ausdruck finden, war die Ausstellung "Natura sacra" in der Schloßkirche in Wörth (1995) eindeutig der Höhepunkt seines bisherigen Schaffens.

Die Besucherreaktionen auf diese bereits vom Titel her ambivalente Auseinandersetzung mit der heiligen und verfluchten Natur reichten von "Kunst eines seelisch ernsthaft Kranken" bis zur Frage: "Wann wird der Verbrecher dieser,Kunst' wegen illegaler Müllbeseitigung angeklagt?" Ein ganzes Heft mit Kopien hat "Wigg" Bäuml säuberlich angelegt. Daneben dokumentiert eine Postkarten-Edition einige Draht- und Draht-PapierSkulpturen.

Darüberhinaus ist Bäuml, eigentlich ein altmodischer, ein bekennender Künstler, der moralische Autorität beansprucht, kaum dokumentiert. Vom Berufsverband übersehen, bei öffentlichen Ausschreibungen ohne fördernde Verbindungen und als einer, dem es nicht liegt, ständig laut zu trommeln, ist der gebürtige Waldthurner, in dem oberpfälzische Sturheit, Schalk und Menschlichkeit zu einer wunderbaren Einheit finden, ein eigenwilliger Einzelgänger. Etwas Besessenheit gehört schon dazu, bemerkt er nachdenklich, "wenn du mitten im Winter die zentnerschweren Nagelbretter auf den zugefrorenen Fluß und nachts wieder runter zerrst, weil Tauwetter einsetzt. Nur um zu sehen, ob das Artefakt auch in der Konfrontation mit dem Licht und Eis bestehen kann und wirkt." Und Wirkungen in natürlicher Umgebung weiß der bärtige Künstler wirklich zu schätzen. Wohnt er doch in Kallmünz direkt unter einem steil aufragenden Fels mit der Burgruine, die den wunderschönen Flecken an der Naab würdevoll beherrscht.

Jetzt im Frühjahr sinken ständig verschiedene Düfte vom Hang herunter in den schmalen Hof, in dem fertige Objekte aus früheren Ausstellungen und gesammelte Materialien lagern. Irgendwann reift dann ein in ihm eingelagertes, diffuses Bild zu einer Idee. Mit einem der Fundstücke, die im Hof, im Atelier und vor dem Haus noch lagern, verbindet sich dieses Bild zu einem neuen Objekt. "Du kannst halt nicht aus deiner Haut", zuckt er die Schultern, mit Blick auf die Arbeiten, die noch vor ihm liegen.

 
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